Verfasst von: Paul P.Maeser | 26. September 2011

„You are welcome in the United States of America!“

Kaum ein Thema wird in den USA so kontrovers diskutiert wie Immigration. Nicht viele Institutionen haben eine klare Position zu diesem Thema. Die Debatte spaltet Demokraten und Republikaner, Jung und Alt, Arm und Reich – sie alle sind untereinander zerstritten, wie mit diesem Thema zu verfahren ist. Und für die Einwohner in der Grenzregion zu Mexiko ergibt sich wiederum ein anderes Bild der Lage.

All dies bleibt unbemerkt, wenn man in einer amerikanischen Botschaft ein Visum beantragt. Jede Menge Bürokratie im Vorfeld erinnern fast schon an ein deutsches Finanzamt – doch auch wenn ein Visumsantrag so aufwendig ist wie eine deutsche Steuererklärung, wird er schnell und unkompliziert bearbeitet. Bestechend ist hierbei die amerikanische Gastfreundlichkeit der Botschaftsmitarbeiter. Es zeigte sich übrigens, daß die Sprache in den USA – genau wie in Deutschland – einen wesentlichen Faktor zur Integration darstellt.

An jenem Freitagmorgen war ich der Erste, der die zuständige Vizekonsulin auf Englisch ansprach. Es wäre falsch zu behaupten, die Visagenehmigung wäre dadurch schneller erfolgt. Das Gegenteil war der Fall. Während meine „Vorgänger“ gerade einmal 30 Sekunden über ihr Anliegen sprechen mussten, zeigte die Sachbearbeiterin großes Interesse an meinem Vorhaben und fragte mich mit regelrecht übertragender Freude ganze fünf Minuten über meine Absichten aus. Ich vergaß fast den eigentlichen Grund des Gesprächs und freute mich über ein abruptes Gesprächsende mit der Mitteilung: „Your visa is admitted.“

Amerika ist ein Immigrationsland. Viele Amerikaner sind stolz auf Ihre Herkunft. Fast 40% der Amerikaner haben Vorfahren, die über Ellis Island bei New York eingewandert sind. In einem bewegenden Essay für die beliebte Radio-Serie „This I believe“ erzählt der ehemalige Außenminister Colin Powell von der Einwanderung seiner Eltern. Er hebt darin auch die Vorzüge der Immigration für Amerika hervor. Neben seiner Familiengeschichte appelliert er an seine Landsleute, eine offene und gastfreundliche Einstellung beizubehalten und weist gleichzeitig auf Fehlentwicklungen in der jüngeren Vergangenheit hin.

Immigration spielt insbesondere in der wirtschaftlichen Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft eine Schlüsselrolle. Die Journalistin Tamar Jacoby führte bei einer Veranstaltung in Frankfurt am Main (Video) aus, wie Immigration in Amerika mit wirtschaftlicher Prosperität einhergeht. Die Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg ermutigt Immigranten, kleine Unternehmen zu gründen und Ideen aus Ihrer Heimat in die Gesellschaft einbringen. Unter dem amerikanischen Dach können also die meisten eingewanderten Subkulturen ihre Traditionen und Werte im privaten und im öffentlichen Raum beibehalten. Fazit: Immigranten werden also durch Wachstum angezogen, tragen aber in der Folge auch Ihren Teil zur amerikanischen Gesellschaft bei.

Das Bild wäre jedoch unvollständig, wenn man nicht auf die Defizite der Immigrationsbestimmungen einginge. Schon als Visumsbewerber bekommt man eine Vorstellung, welche Probleme zu erwarten sind. Zusammen mit der Anweisung zum sorgfältigen (!) Studium erhält jeder potentielle Arbeitnehmer ein Informationsblatt, das auf die wichtigsten Arbeitnehmerrechte hinweist:

  • Den gesetzlichen Mindestlohn
  • Das Ausreiseprocedere
  • Ansprüche in Sachen Sauberkeit von zu stellenden Wohnräumen
  • Besondere Schutzmaßnahmen für Arbeiter in der Landwirtschaft
  • Und besonders ausführlich: Schutz vor illegalem Menschenhandel

Mir erschloß sich nicht, ob es bei der Visumserteilung eine differenzierte Behandlung nach Nationen gab. In vielen Ländern ist es üblich, daß derartige Entscheidungen auch durch von Nationalität oder Ausbildungshintergrund beeinflußt werden. Teile Amerikas sehen Immigration als Instrument zur Umsetzung eigener, wirtschaftlicher Interessen. Präsident Obama hat im Juli vorgeschlagen, ausländischen Hochschulabsolventen eine lebenslange Aufenthaltsgenehmigung zu erteilen. Damit soll es den in den USA ausgebildeten Köpfen erleichtert werden, ihre Geschäftsideen im Land umzusetzen.

Herausforderungen für das Immigrationssystem gibt es auch bei Beschäftigungsverhältnissen mit geringer Bezahlung. Aus Lateinamerika kommen zahlreiche Saisonarbeiter, die teilweise zum gesetzlichen Mindestlohn arbeiten. Einige Arbeiter reisen illegal ein und tauchen unter. Von größerer Bedeutung sind jedoch die Fälle, in denen Saisonarbeiter Visumsgebühren sparen möchten. Bei einem Stundenlohn von $ 7.25 ist ein Visum für ca. $ 145 sehr teuer. Der Anreiz zur illegalen Beschäftigungsaufnahme wird dadurch verstärkt. Dem Staat gehen Beiträge zur Finanzierung des Allgemeinwesens verloren.

An dieser Stelle ist europäische Überheblichkeit jedoch fehl am Platz. Eine Mauer an der mexikanischen Grenze weckt bei uns unangenehme Erinnerungen an vergangene Zeiten. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, daß mit heftiger Polizeipräsenz die EU-Außengrenzen im Mittelmeer abgesichert werden. Menschenhandel und Schleuserringe finden in Deutschland weniger Aufmerksamkeit als früher, sind aber in Europa nach wie vor präsent. Auch unwürdige Arbeitsbedingungen und sittenwidrige Löhne für Zugewanderte sind nicht nur auf die USA beschränkt, sondern auch hierzulande zu finden. Uneinheitliche Standards bei der Behandlung von Asylbewerbern erschweren die Verhandlungen zwischen den EU-Staaten und sorgen regelmäßig für Ungleichgewichte und Streits. Der in Deutschland vielfach zitierte Gedanke einer „Leitkultur“ läßt sich nur schwerlich mit dem europäischen Motto „In Vielfalt geeint“ zusammenführen. Zu einer klaren Strategie zur aktiven Steuerung von Zuwanderung, beispielsweise von Fachkräften, konnte sich Deutschland auch mangels Erfahrung bisher nicht durchringen – um nur einige Defizite zu nennen.

Es wäre sicherlich zuviel verlangt, auf alle Aspekte eine Antwort zu finden. Die Rolle der Immigration ist jedoch auf beiden Seiten des Atlantiks in der Art vergleichbar. Die ökonomische Entwicklung der Industrienationen verlangt nach Lösungen der oben genannten Defizite. Festzuhalten ist, daß die USA uns Europäern in vielen Punkten voraus sind. Dabei ist die Integration von Immigranten für einen Kontinent mit sinkender Bevölkerung ungleich wichtiger. Trotz aller Schwierigkeiten in der Integration dürfte sich der Blick über den Atlantik lohnen. Mancher Ansatz aus der Diskussion zur Reform des amerikanischen Einwanderungsgesetzes läßt sich bestimmt auch auf unsere Situation anwenden.

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Responses

  1. Tach auch Paule,

    das ist eine wirklich ausführliche Beschreibung der prinzipiellen Grundlagen der Integrationsproblematik. Im gesamten Text sind sogar mir nur drei (!!!) Ausdrucksmängel aufgefallen. Ein sehr guter Anfang, der mich auf den weiteren Verlauf des Blogs neugierig macht.

    Allet Jute

    Volker

    • Hallo Volker,
      vielen lieben Dank! Na, dann ist es ja ein guter Start! Mit ein wenig Übung hoffe ich die kleinen Schwächen in Stilblüten verwandeln zu können 🙂
      Gut, daß Du ein so wachsames Auge hast 🙂
      Mach et jut,
      Paule

  2. Nachtrag:

    Präsident Obama ist in seinem Statement zur Proklamation des Deutsch-Amerikanischen Tages am 6. Oktober 2011 auf den Beitrag der frühen deutschen Einwanderer eingegangen.

    Die Erklärung wurde auf der Website des Weißen Hauses veröffentlicht:

    http://www.whitehouse.gov/the-press-office/2011/10/06/presidential-proclamation-german-american-day-2011


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