Verfasst von: Paul P.Maeser | 30. Oktober 2011

A Place Called Home – ein Stadtspaziergang

“And you’re Americans who […] are sick of the Washington games!” Nein, den Namen ihrer Hauptstadt assoziieren die meisten Amerikaner selten mit etwas positivem. Sich volksnah zu zeigen und dabei ein starkes Misstrauen gegenüber dem hiesigen Establishment zu pflegen ist hierzulande Bestandteil der politischen Kultur – und so wird eine ganze Stadt zum Symbol für gesellschaftliche Spannungen. Selbst Präsident Obama nutzt ihren Namen, um sich in der Öffentlichkeit möglichst stark von jenem laufenden Betrieb abzugrenzen, zu dem er letztlich selbst gehört. Diese Gangart ist jedoch kein modernes Phänomen; sie entspricht eher einer langen Tradition.

Washington ist die neunte Hauptstadt der Vereinigten Staaten. Dreizehn Jahre nach der Amerikanischen Revolution (1776) legte der französischstämmige Architekt Pierre Charles L’Enfant sein Konzept für einen permanenten Regierungssitz dem ersten Präsidenten George Washington vor. Die Umsetzung erfolgte rasch: Bereits 1800 bezog der Kongreß das U. S Capitol im Zentrum der Stadt, das 1958 das letzte Mal erweitert worden ist. Hiervon ausgehend unterteilen die Achsen entlang der Himmelsrichtungen die Stadt in ihre vier Bezirke. Obwohl L’Enfant für seine Arbeit kein Honorar erhielt, fiel er nach einer persönlichen Fehde mit dem Präsidenten in Ungnade und wurde entlassen. Streitpunkt waren relativ unbedeutende Änderungen seiner Pläne. Es soll sich um ein Kanalsystem gehandelt haben…

Seine Vorstellungen wurden trotzdem weitestgehend umgesetzt. Obwohl sie letztlich sehr gut aufgenommen wurden, sorgten sie 200 Jahre später für Gespött. Wie auf so vielen Feldern schlug Ronald Reagan gerne mit seinem bissigen Humor zu: „You don’t have to spend much time in Washington to appreciate the prophetic vision of the man who designed all the streets there. – They go in circles.“ (Video)  Heutzutage verbindet man mit den Straßen andere Probleme. Kürzliche wurde Washington zusammen mit Chicago vom Texas Transportation Institute als Stadt mit dem schlechtesten Verkehrssystem „ausgezeichnet.“ Eine Einschätzung, die ich nicht unbedingt teile.

Spott und Kritik sind jedoch nicht das Einzige, was die Bevölkerung erdulden muß. Mit Ausnahme der Präsidentschaftswahlen sind die Einwohner der Stadt de facto nicht wahlberechtigt. Da nur Bundesstaaten jeweils zwei Vertreter in den Senat wählen, geht Washington als Bundesdistrikt leer aus. In der anderen Kammer – dem Repräsentantenhaus –  gibt es auch keine bessere Ausgangslage: Die Verfassung gesteht dem District of Columbia lediglich eine nicht-stimmberechtigte Delegierte zu. Ironischerweise sind es letztlich diese beiden Kammern, die die gesetzgebende Gewalt des Bezirks innehaben. Jedes örtliche Autokennzeichen weißt auf den Mißstand hin: „Taxation without representation.Ansätze, die Verfassung zu ändern, gestalten sich aus parteipolitischen und juristischen Gründen als schwierig. Die Stadt angesichts ihrer Größe zum 51. Bundesstaat zu erklären würde in manchen Augen eine Übervorteilung im Senat – wahrscheinlich zu Gunsten der Demokratischen Partei – gegenüber allen anderen Staaten erzeugen. Ferner würde im Falle des Notstands ein Gouverneur über den Aufenthaltsort des Präsidenten entscheiden dürfen. Ein Umstand, der sich mit dessen Amtsverständnis nicht decken würde.

Vom Kapitol aus in Richtung nach Nordwesten liegt das Weiße Haus. Beide Häuser verbindet die Pennsylvania Avenue. Obwohl der Gebäudekomplex durch einen Garten mit abgrenzendem Zaun weit von der Öffentlichkeit entfernt ist, erkennt man mit geduldigem Blick die auf dem Dach postierten Scharfschützen. Die Gründe sind offensichtlich: Dem Präsidenten kommt ein besonderer Schutz zu Gute. Die dadurch erforderliche Distanz war jedoch in den Anfangsjahren der Republik nicht immer üblich. Andrew Jackson sagte man eine Volksnähe der etwas anderen Art nach. Anstatt sich auf den engsten Kreis zu beschränken, lud der Kriegsheld und siebente Präsident anläßlich seiner Amtseinführung spontan 30.000 Unterstützer von der Pennsylvania Avenue zu einer großen Sause in das Weiße Haus ein. Natürlich gab es – dem Ereignis angemessen – reichlich Whiskey für das Publikum. Die Bilanz am nächsten morgen war verheerend: Zerstörtes Mobiliar, chinesisches Porzellan in Scherben, Teppiche als Fetzen und zahlreiche Verletzte nach Schlägereien ließen das Weiße Haus wie einen einzigen Kriegsschauplatz aussehen. Ob diese Fete der Grund war, weswegen sein Konterfei heute auf der $20-Note abgebildet ist, wurde nicht überliefert; dennoch hat man ihm ein Denkmal gesetzt – wohlgemerkt hinter dem Weißen Haus… Die „Feier aller Feiern“ hatte eine einschüchternde Wirkung auf Jacksons Nachfolger. Rauschende Feste wurden erst ca. 140 Jahre später während der Präsidentschaft John F. Kennedys wieder gefeiert.

Der weitere Weg nach Nordwesten führt durch Georgetown, der älteste Bezirk der Stadt – wenngleich der Begriff „Altstadt“, entsprechend der europäischen Interpretation, hier weniger zutreffend ist. Ihren wohl prominentesten zeitgenössischen Einwohner, John Kerry, habe ich jedoch nicht angetroffen. Hinter der Brücke am Potomac River endet der Fußweg und auch der Bundesdistrikt. Ich entschied mich, umzukehren – noch lange nicht müde, von den Washington Games

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